Iveco legt beim S-Way nach: Feinarbeit für Diesel und Gas
Kein Auftritt auf der IAA in Hannover, dafür eine Europa-Tournee mit dem aktuellen Fahrzeug-, Dienstleistungs- und Service-Programm: Die Marketing-Strategen bei Iveco setzen 2026 auf lokale Events statt großer Messebühne. Der Kaiserslauterer Truckexperten-Redaktion kann´s nur Recht sein: Anstatt für Probefahrten mit den aktuellen Diesel- und Gasmodellen ins 450 Kilometer entfernte Hannover aufzubrechen, reichte ein Katzensprung nach Mainz.
In der rheinland-pfälzischen Landeshauptstadt machte die „Spirito in Movimento“-Tour („Geist in Bewegung“) Mitte September Station, und das an historischer Stätte: Das Veranstaltungsgelände in und um die „Halle 45“ hat seine Wurzeln in einem Werk von Magirus-Deutz und war von 1975 bis 1983 ein Bus-Produktionsstandort von Iveco.
Neben dem „Modelljahr-2026-Ökosystem“ aus Produkten und Services standen aus den schweren Reihen die aktuellen S-Way-Flaggschiffe mit Diesel- und Gasmotoren auf dem Programm. Aufgeboten waren Sattelzüge mit 500-PS-Motoren und Ausladungen auf rund 33 Tonnen. Die 500 PS stammen unisono aus dem 12,9-Liter-Motor XCursor 13 (oder kurz XC13), der für den Fernverkehr gesetzt ist: Den 11,1 Liter großen Cursor 11, der es in seiner letzten Version auf 420 bis 480 PS und 2.000 bis 2.300 Nm Drehmoment brachte, hat Iveco eingestellt. Das bedeutet aber auch, dass im mittleren Leistungsbereich nun eine Lücke klafft. Die Wahl heißt nun XCursor 13 mit 460 PS und 2.500 Nm oder der nur 8,7 Liter große Cursor 9 mit 400 PS und 1.700 Nm – für den Hängerbetrieb kein Spaß. Gewichtsmäßig, etwa mit Blick auf Tank/Silo, soll es aber keine Nachteile geben: Die von Iveco genannten 1.018 Kilogramm für den neuen XC13 unterbieten den rund 1.080 Kilogramm schweren Cursor 11 sogar.
In der Übersicht liest sich das aktuelle Diesel- und Gasmotoren-Programm wie folgt:
Cursor 9 (Diesel):
340 PS / 1.400 Nm
360 PS / 1.650 Nm
400 PS / 1.700 Nm
XCursor 13 (Diesel):
460 PS / 2.500 Nm
500 PS / 2.600 Nm
540 PS / 2.700 Nm
580 PS / 2.800 Nm
Cursor 9 (Methan):
340 PS / 1.500 Nm
400 PS / 1.700 Nm
XCursor 13 (Methan)
500 PS / 2.200 Nm
Was gegenüber der Ende 2023 vorgestellten und 2024 eingeführten S-Way-Generation auffällt, ist eine neue Tastenbelegung im linken Bedienfeld des Multifunktionslenkrads: Endlich hat auch Iveco mit dem Highway Assist einen aktive Spurrückführung statt des nur passiven Spurwächters im Angebot. Die Basis bildet die Kombination aus Frontkamera und elektrohydraulischer Lenkung. Ist der Highway Assist beim Fahren ohne Tempomat deaktiviert, funktioniert der Spurwächter wie gehabt, also ohne eigenständige Spurrückführung.
Mit den erweiterten EU-Vorschriften kommt jetzt noch ein ADDW-System hinzu (Advanced Driver Distraction Warning), das Augen- und Kopfbewegungen hinsichtlich Müdigkeit und Ablenkung überwacht. Wie alle anderen Hersteller folgt Iveco damit der Gesetzgebung, auch wenn es ein offenes Geheimnis ist, dass die meisten Fahrer nicht allzu viel davon halten – der Schreiber dieser Zeilen eingeschlossen.
Ebenfalls neu sind zusätzliche aerodynamische Maßnahmen, die sich aber erst auf den zweiten Blick erschließen. Die kleinen Windabweiser an den A-Säulen hatte auch schon die 2024er Generation, interessant wird es jetzt mit zahlreichen neuen Windleitelementen hinter der Frontklappe und an deren Rändern, inklusive Gummiblenden in den Karosseriespalten zu den Scheinwerfern hin. Was das in Summe bringt, sei dahingestellt, aber Kleinvieh macht bekanntlich auch Mist.
Iveco spricht außerdem davon, beim Modelljahr 2026 die Antriebstrangsteuerung überarbeitet und die Getriebesoftware des ZF Traxon noch feiner an Motor und Assistenzsysteme angepasst zu haben. Zusammen mit den aerodynamischen Feinarbeiten sollen bis zu zehn Prozent weniger Verbrauch drin sein, was sich auf den kurzen Proberunden durch Stadt-, Überland- und Autobahnverkehr natürlich nicht bestätigen ließ. Zumindest aber stimmte das Bauchgefühl und das Zusammenspiel aus Motor und Getriebe, inklusive Schaltgeschwindigkeit, hinterließ spontan einen guten Eindruck.
Schon mit der 2024er Erneuerung zauberte Iveco eine Motorbremse für den Gas-Ottomotor aus dem Hut, was vorher eine echte Schwachstelle war. Im Hintergrund steht ein neues Ventiltriebsystem für den XC13, um sowohl bei Diesel- als auch bei Gasmotoren die Bremsleistung zu steigern. Mit der so gestalteten HPEB (High Performance Engine Brake) bringt es der Diesel auf bis zu 720 PS Bremsleistung (in der 13-Liter-Klasse ein absoluter Spitzenwert), der Gasmotor auf immerhin 333 PS.
Damit ist ein Retarder zum Methan-Verbrenner zwar immer noch dringend angeraten, aber es ist doch deutlich mehr als das reine Schleppmoment geboten und auf einen früheren Kunstgriff kann verzichtet werden: Um den Retarder auch bei niedrigen Geschwindigkeiten mit einer hohen Gelenkwellendrehzahl zu füttern, setzte Iveco bei den ersten Cursor-13-Gasmotoren im Lastzug-Einsatz auf die Kombination aus Overdrive-Getriebe und kurz übersetzter Hinterachse – mit entsprechend mehr Zahnradeingriffen und somit Reibungsverlusten im größten Gang. Jetzt aber ist die Kombination aus Direktganggetriebe und relativ langer Achse möglich, was im Fernverkehr zu einem spürbar niedrigeren Gasverbrauch führen sollte.
Wie der Blick in die technischen Daten der beiden gefahrenen 500er zeigt, ist beim Diesel mit seinen 2.600 Nm Drehmoment eine 2,17 übersetzte Achse Standard (damit nur knapp 1.000/min bei 85 km/h und 315/70er Reifen), beim 2.200 Nm starken Gasmotor sind es 2,31 (entsprechend 1.060/min). Angesichts des deutlich niedrigeren Drehmoments ist die Auslegung also immer noch leicht kürzer, aber im Sinne der Fahrbarkeit mit Anzugsverhalten und Ausdauer am Berg ein vernünftiger Kompromiss. Unterm Strich hat man nicht das Gefühl, mit dem Gasmotor übermäßig schlapper als mit dem Dieselkollegen unterwegs zu sein.
Hinzu kommt, dass mit den derzeitigen Diesel-Horrorpreisen der Gasmotor wieder deutlich interessanter geworden ist. In den vergangenen Jahren hat sich in Sachen Bio-Methan-Produktion einiges getan und es kann sich lohnen, über einen Gas-Lkw nachzudenken – auch wenn ein S-Way LNG in der Anschaffung etwa 30 Prozent teurer ist als ein vergleichbares Dieselmodell und die Mautbefreiung für Gas-Lkw in Deutschland schon Ende 2023 ausgelaufen ist. Erfahrungsgemäß liegen der Gasverbrauch in Kilogramm LNG und der Dieselverbrauch in Litern nah beieinander, dank des höheren Energiegehalts sogar mit leichten Vorteilen beim LNG. Bei Preisen von deutlich unter einem Euro netto pro Kilogramm (Bio-)LNG (Stand Ende September 2026) sollten sich die Mehrkosten zu einem Diesel-S-Way zügig einfahren lassen. Nicht zu vergessen: AdBlue wird ja auch komplett gespart, für die Abgasreinigung tut´s beim Gasmotor ein 3-Wege-Katalysator.
Auch bei der möglichen Reichweite hat gegenwärtig noch jede Elektro-Alternative das Nachsehen: In Verbindung mit den Methan-Motoren bietet Iveco CNG-Druck- und LNG-Kryotanks in zahlreichen Varianten an, im Maximalfall beidseitig 540-Liter-Tanks LNG. Umgerechnet bedeuten die 1.080 Liter knapp 460 Kilogramm LNG, wofür Iveco eine Reichweite von bis zu 1.700 Kilometern angibt.
Das scheint glaubhaft: Anno 2021 absolvierte ein S-Way NP mit dem damaligen 460-PS-Motor den Truckexperten-Test mit durchschnittlich 30,5 Kilogramm LNG – mit vollen 40 Tonnen und auf schwerer Topographie. Mal abgesehen davon, dass die neue Generation merklich sparsamer über die Runde gehen sollte, dürften bei durchschnittlichen Gewichten und Strecken im Regional- und Fernverkehr um die 25 bis 27 Kilogramm realistisch sein – und dann geht auch die Reichweiten-Rechnung von Iveco auf.
Nicht wegzudiskutieren ist aber ein deutlich höheres Gewicht: Zusammen wiegen die beiden 540-Liter-Kryotanks schon leer gut 600 Kilogramm, vollgetankt geht damit für eine halbwegs gut ausgestattete S-Way-Sattelzugmaschine mit großem Fahrerhaus unter acht Tonnen Leergewicht nichts. Unterm Strich ist die Gas-Alternative bei den aktuellen Dieselpreisen aber absolut eine Überlegung wert.
Weitere Informationen:
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Iveco: Effektive CO₂-Reduzierung mit Bio-CNG (November 2025)
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Bild: Ralf Becker
Bild: Iveco
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